Ein Hauch von Kabul am Erfurter Busbahnhof


Wer am Erfurter Busbahnhof aussteigt, blickt meist auf grauen Asphalt und funktionale Betonbauten. Doch direkt gegenüber der Haltestellen leuchtet seit Kurzem die schwarz-rot-grüne Flagge Afghanistans an einer Fassade. Es ist ein kleiner Laden, der wie ein buntes Fenster in eine andere Welt wirkt – doch hinter der freundlichen Fassade zeigen sich die Herausforderungen der Integration im deutschen Alltag.


Ein Paradies für die Sinne

Schon der Eingangsbereich ist ein Statement gegen die Tristesse: Stapel von „Royal Dubai“-Decken in kräftigen Farben und grosse Säcke mit duftendem Sela-Reis flankieren die Tür. Tritt man ein, öffnet sich ein wahres Eldorado der afghanischen Kulinarik.

Vielfalt im Regal: Von Rosenwasser über spezialisierte Öle bis hin zu traditionellen Süßigkeiten wie Pashmak ist alles vorhanden.

Frische aus der Heimat: In Holzfächern lagern Berge von Mandeln, Pistazien, getrockneten Maulbeeren und Kernen. Hier wird noch mit der Schaufel abgewogen – ein Stück authentische Marktkultur mitten in Thüringen.

Die unsichtbare Mauer: Wenn die Sprache fehlt

Trotz der beeindruckenden Warenpracht stösst der Besuch schnell an eine unsichtbare Grenze: die Sprache. Der Verkäufer empfängt Gäste mit einer tiefen, ehrlichen Freundlichkeit, doch eine echte Verständigung ist kaum möglich. Er spricht kaum Deutsch. Ein junger afghanischer Kunde, der im Laden steht, hat es eilig und verschwindet schnell wieder im Trubel des Bahnhofs, ohne meine Ideen weiterzugeben. 

Es ist ein Dilemma, das nachdenklich stimmt: Hier ist jemand mit dem Mut, ein eigenes Geschäft aufzubauen, Waren zu importieren und Präsenz zu zeigen. Doch ohne das Werkzeug der Sprache bleibt der Laden eine isolierte Insel. Ohne Deutsch ist ein tieferer Austausch mit der Erfurter Nachbarschaft kaum möglich.

Die Vision: Was aus diesem Ort werden könnte

Der Blick aus dem Laden auf den staubigen Parkplatz lässt einen träumen: Wie wunderbar wäre es, wenn hier ein paar Tische und Stühle stünden? Ein Ort, an dem man bei einem Glas Cay (Tee) zusammenkommt. Doch die Umgebung am Busbahnhof ist alles andere als einladend. Es fehlt an Aufenthaltsqualität und – ganz pragmatisch – an einer öffentlichen Toilette für Gäste.

Das Symbol des Stillstands: Das verlassene Café nebenan

Direkt neben dem afghanischen Laden steht ein Gebäude, das den Kontrast perfekt macht: Das ehemalige „Café am Busbahnhof“. Die Fenster sind verrammelt, bunte Graffiti überziehen die Fassade, der Schriftzug wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Dieses leerstehende Haus ist ein Symbol für ungenutztes Potenzial. Man stellt sich unwillkürlich vor, was hier entstehen könnte:

  1. Ein interkulturelles Zentrum: Ein Ort für Begegnung statt Leerstand.
  2. Ein Lernort: Wo Sprachkurse und Handwerk aufeinandertreffen.
  3. Eine Brücke: Wo die Waren des afghanischen Ladens in einer kleinen Gastronomie direkt probiert werden könnten.

Fazit: Mut braucht Räume und Worte

Der Besuch in Erfurt zeigt: Die afghanische Community bringt Fleiß, Mut und wunderbare Produkte mit nach Deutschland. Doch damit aus einem Laden ein echter Teil der Stadtgesellschaft wird, braucht es zwei Dinge: Den Willen zur Sprache und eine Stadtplanung, die Räume für Begegnung schafft, statt sie verfallen zu lassen.

Solange das Café nebenan leer steht und die Sprache fehlt, bleibt der Laden ein schöner, aber einsamer Farbtupfer im Grau des Busbahnhofs.


Eure Meinung zählt: Habt ihr ähnliche Orte in eurer Stadt, die Potenzial hätten, aber im Dornröschenschlaf liegen? Wie wichtig ist für euch die Sprache beim Einkauf in „Heimat-Läden“? Schreibt es uns in die Kommentare!




Gespräch mit einem Migranten

Migranten aus Afghanistan müssen arbeiten! Baldmöglichst! Ein junger Mann, der vor neun Jahren nach Deutschland kam und Asyl erhielt, war froh, als er endlich arbeiten durfte. Erst schuftete er als Bauarbeiter, und schliesslich eröffnete er einen Take-Away. Auch seine Familie ist nun im Rahmen des Familiennachzugs hier. 

Deutschland lernte, dass dies sein muss. Doch lässt sich alles nur schwierig gestalten. Denn die jungen Leute benötigen Förderung. Dem besagten jungen Mann bleibt nichts von seiner Arbeit übrig, er vermag nur, für Miete, Strom und Lebensmittel seines Ladens zu zahlen. Doch immerhin geht er einer Tätigkeit nach, und seine Familie hilft mit. 

Seine Worte: «In Afghanistan habe ich keine Chance, schlechte Regierung.» Vor 50 Jahren erblühte das Land. Die Menschen lebten zufrieden, Afghanistan war ein beliebtes Reiseland. Doch dann wurde es zum Spielball der Sowjetunion und der USA. Die Amis kurbelten zwar mit ihrem Krieg etwas wirtschaftliche Entwicklung an. *Doch mit ihrem Verbrechen stärkten sie die Taliban. 

Er will nicht zurück, was will er dort? Er möchte sich und seiner Familie eine Zukunft in Deutschland ermöglichen. Die meisten Migranten richten sich auf Bürgergeld ein. Denn eine Aussicht auf eine gute Arbeitsstelle bleibt für den Großteil unerreichbar. Zunehmende Konkurrenz, abnehmende Kaufkraft belasten den afghanischen Unternehmer in Deutschland. Rückkehr nach Afghanistan? Für seine Töchter wäre Afghanistan die Hölle. Frauen dürfen dort heute nicht mal mehr allein das Haus verlassen. 

An und für sich wäre die islamische Religion im Kern menschlich. Doch einen Staat mit Rezepten aus einer Zeit von vor 1400 Jahren zu lenken, ist einfach Blödsinn. Gemeinsam trinken wir Tee, und ich zeige ihm meine Webseite zu Afghanistan. 

Afghanistan ist ein wunderschönes Land mit vielen gastfreundlichen Menschen. Doch wie dort Sicherheit garantieren, wenn dessen Bewohner vom Hunger bedroht sind? Statt in genügend Arbeitsstellen, investiert Deutschland in den Krieg. Das Geld scheint für letzteres meines Erachtens immer zu reichen. Besser wäre es, die Bildung zu stärken.

Frieden zu schaffen ohne Waffen, wie vermögen wir das? Wie können wir dafür sorgen, dass die Regierung in Afghanistan andere Perspektiven bietet? Ich weiß es nicht. Lediglich einen Beitrag für mehr Frieden leisten können wir, indem wir ihn in unserem Umfeld vorleben. Wir beide stimmen im selben Punkt miteinander überein; «die» Amerikaner hätten niemals kommen dürfen.

Hierzu ein Lied von mir:

Ich habe diesem Mann Google erklärt, dort vor allem wie er Rezensionen bearbeitet. Er sollte Deutsch lernen. Seinen Eintrag möchte er optimieren. Ferner erwarten Kunden Rabatte und drohen bald mit schlechten Bewertungen. Was für eine Gesellschaft macht uns aus?

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*Kriegsverbrechen einer amerikanischen Kampftruppe in Afghanistan:
Im September 2009 bombardierten zwei amerikanische Kampfflugzeuge eine Menschenmenge sowie zwei Tanklastzüge auf einer Sandbank des Kundus-Flusses (Afghanistan). Darunter wurden über 100 Zivilisten getötet und verletzt. Das ECCHR unterstützte die EGMR-Beschwerde eines Afghanen, der bei dem Bombardement zwei Söhne verlor.

Kursiv Geschriebenes widerspiegelt immer unsere persönlichen Ansichten, bzw. jene meines afghanischen Interview-Partners sowie meine.




Frauen in Afghanistan

Vor über zwanzig Jahren, als das Internet noch jung war, verteilte ich via E-Mail eine Nachricht und löste damit einen SPAM aus. Es ging darin um eine Frau, die sich über fehlende Perspektiven beklagt hatte und sich wie eine Sklavin fühlte. Ein Mitarbeiter eines IT-Konzerns bat mich, Vorsicht mit solchen Nachrichten walten zu lassen.

Die Taliban waren damals an der Macht, und ich beabsichtigte der jungen Frau zu helfen. «Doch wie?» Wie kann Einfluss auf eine Kultur genommen werden, wo Frauen benachteiligt werden? «Alles braucht seine Zeit,» sagt man so schön.

Ich bereiste den Iran und traf dort viele Studentinnen an. Vieles mehr könnte heute in Afghanistan möglich sein. Frauen könnten erstklassige Ärztinnen sein, ausgezeichnete Rechtsanwältinnen, Lehrerinnen etc.. Eine funktionierende Gesellschaft von heute erfordert beide Geschlechter in allen Sektoren, um voranzukommen. Genauso wie es Verständnis bedingt, wenn manche Frauen die Familie ins Zentrum stellen. 

Den Touristinnen werden für gewöhnlich wenig Kleidungsvorschriften angeordnet. Begegnungen zu verhindern gelang bisher niemandem, genauso wenig, wie anderen Ideen aufzuerlegen. Doch ist mir noch präsent, dass die Frauen in der Schweiz bis vor 50 Jahren nicht wählen durften. Geht man noch etwas weiter zurück, wurden hierzulande den Geschlechtern präzis verschiedene Rollen zugeteilt.